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Eine deutsch-cubanische Theaterproduktion zu Leben, Werk und Mythos des Ché Guevara
zum Stück Theaterform Presse
Besetzung:
Regie: Eddy Socorro (Havanna / Cuba)
Schauspiel: Olaf Reitz (Wuppertal)
Projektleitung: Annette Massmann (Bochum)
Eine Produktion des Informationsbüro Nicaragua e.V. (Wuppertal)
in Kooperation mit dem Haus der Jugend Wuppertal-Barmen
zum Stück
Ist Ché tot?
„Buena Vista Social Club“, „Afro Cuban Allstars“ in der Musik, im Kino „Erdbeer und Schokolade“,
oder man erfreut sich am „Kleinen Tropicana“, genießt „Das Leben, ein Pfeifen.“ Cuba ist en vogue und auch Herr Wenders scheut nicht die sommerliche Hitze Havannas und filmt nostalgisch
-exotisch das Eiland im Jetlag zwischen Berlin und Havanna.
All-inclusive, „zwei Wochen Varadero“, ist als Ferienpaket nun noch günstiger und selbst Fidel
Castro wird hoffähig, nachdem ihm der Chef der bundesdeutschen Industrie, Olaf Henkel, den Besuch abstattete und die Zahlungsmoral der karibischen Insel lobte.
Die kubanische Revolution, Ursprung und Motiv des jüngst zu erlebenden Booms, ist dafür
allenfalls buntes Hintergrundszenario. Was bleibt, sind Bilder und Symbole und der Name einer der Figuren, die das Leben auf der Insel prägten: Ché Guevara.
Früher Inkarnation des „solidarischen internationalistischen Kampfes gegen den Imperialismus“,
„Hoffnung aller Unterdrückten“....heute ein Konterfei auf Mützen, Schuhen, T-Shirts, Fahnen. Entrückt weist sein Blick in die Ferne: Ewig junger Revolutionär, Ikone , oder pitoreskes Zitat einer
sinnentleerten Romantik im Zeitalter der Realpolitik und des Cyberspace?
Was läßt dieses Bild neben Bruce Willes, Leonardo di Caprio, Schwarzenegger oder Boygroups
bestehen?
IstChé tot?
Was machte ihn zum Mythos?
War er ein Irrer, ein neugeborener Christus, ein Popstar, ein Abenteurer?
Das Stück, eine Produktion des Informationsbüro Nicaragua, das von dem kubanischen
Regisseur Eddy Socorro und dem Schauspieler Olaf Reitz umgesetzt wird, thematisiert Grundfragen, Motivationen politischen Handelns, behandelt die Frage nach Utopien, Sinn und dem Streben nach Veränderung.
Dabei geht es von der Person, dem Leben und Werk Ché Guevaras aus, nimmt ihn als Referenzpunkt, aber bleibt nicht bei ihm stehen.
Gleichfalls wirft es Blitze auf das Cuba nach 1989, das Cuba der cuenta propistas, der
fortwährenden neuen Alltagserfindungen, der neuen Slogans und grünen Währung.
Das Stück verfolgt diese Fragen in poetischer Form, voller Ironie, voller Witz. Liebevoll,
stets gespickt mit einem Lachen...
Begegnung deutscher und cubanischer Theaterform
Das (Jugend) Theater
Das Cubanische Jugendtheater hat eine Richtung entwickelt, die sich im Gegensatz zum deutschen Kinder- und Jugendtheater
nicht als „pädagogische Heil- und Besserungsanstalt“ versteht, sondern vielmehr einen Erlebnisraum hoher künstlerischer Qualität entstehen läßt. Hierbei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der
Kunst, die „erzieherischen“ Affekte und Effekte sind „Abfallprodukt“. Damit ist implizit gesagt, daß die Zielgruppe auch eine andere, eine übergreifende ist. So werden hier einerseits das
klassische Theaterpublikum und gleichermaßen „junges“ Publikum angesprochen.
Die Bildsprache
Das Cubanische Theater hat durch jahrzehntelange Erfahrung und
Praxis eine sehr eigenständige und zugleich sehr „pure“ Bildsprache entwickelt. Mit einfachsten Mitteln, werden hier beeindruckende Bilder geschaffen. Beispielsweise erfolgt die
„Rekrutierung von Soldaten“ über Papierscherenschnitte, die eine lange Fahne Uniformierter entstehen lassen (so in Heinrich V. - Inszenierung E.Socorro)
Durch diese Unmittelbarkeit kann auf große Effekte, die eher dem Film vorbehalten sind (und dort auch verweilen sollten) verzichtet werden und gibt dem Theater die Chance, sich wieder als
eigenständiges Medium zu präsentieren.
Eddy Socorro (Cuba)
1950 Geburt in Matanzas / Kuba
Lehrerausbildung, anschließend Besuch des Theaterinstitutes in Havanna
1972 - 1976 Studienaufenthalt in der DDR, Besuch der Theaterhochschule ”Hans
Otto” in Leipzig und ”Ernst Busch” in Berlin Arbeitspraxis als Regieassistent bei Horst Hawemann am „Theater der Freundschaft“ in Berlin,
bei Prof. Karl Kaiser am „Kellertheater“ in Leipzig und bei Dieter Schmidt am „Theater der Jungen Welt“
1974 Teilnahme am ”Erich-Engel-Seminar” unter Leitung von
Prof. Wolfgang Heinz Regiearbeit am Leipziger Kellertheater Regiearbeit mit Absolventen der Fachrichtung Puppenspiel in Berlin
1976 Rückkehr nach Kuba. Gründung des Kinder- und Jugendtheaters in
der Provinzhauptstadt Matanzas.
1981 -1996 Vizepräsident der ASSITEJ (Internationale Organisation des Kinder-
und Jugendtheaters) – Mitglied des kubanischen Theaterverbandes
seit 1980 Regisseur in Havanna, Berlin, Dresden, Zwickau, Erfurt und Zürich.
Presse: Westdeutsche Zeitung, ila, coolibri
WZ / 08. Mai 2000
Legendärer Held der Revolution in seinem Mittelmaß Olaf Reitz spielt in einem Solostück einen glühenden Verehrer Che Guevaras und ihn selbst.
Von Frank Becker
Die Bühne im ausverkauften LCB ist ohne Ausstattung, nur mit weißen Stoffbahnen verkleidet irgend ein
kubanischer Strand, an den die Wellen spülen. Im Hintergrund ist Musik zu hören, ein Mann liegt im Sand und sinniert.
Olaf Reitz verkörpert diesen Denker, Zweifler, Grübler, der versucht, sich vorzustellen, was wäre, wenn Che
Guevara, sein Idol, noch lebte. "Wenn Che noch lebte, wäre er ein Centurio, ein Erlöser, ein unermüdlicher Kämpfer - oder er wäre orthodox, ein Unter-drücker der Gefühle, nicht mehr der Heilige San Ernesto der
Revolution." Dann schlüpft Reitz in die Haut Ches, zitiert ihn ironisch überhöht, läßt den Zerrissenen erkennen, den
glühenden Bewunderer von Stalin und Fidel Castro, den, verwöhnten Sohn aus gutem Hause, den infantilen
Helden, der sich zujubeln läßt, aber hinausschreit: "Ehrungen kotzen mich an!" Reitz bricht in dem Stück, das er mit dem kubanischen Regisseur Eddy Socorro erarbeitet hat, das Bild des Mythos. Er zeigt den
abgehobenen Idealisten und den selbstverliebten Machismo des Revoluzzers, der ein archaisches Bild von Frauen hatte, deren Rolle in den Einheiten der Guerilla er im "Zubereiten wohlschmeckender Speisen für die
Kämpfer und das Nähen von Uniformen" sah. Daneben der Frauenheld, der sie alle mit einem Liebesgedicht von Pablo Neruda herumkriegte - Negrita , Tita
, Hilda ("Schade, daß sie so häßlich ist, nicht nur die schönen Frauen sind im Bett gut.") und andere. Dieses
Gedicht zieht sich als roter Faden durchs ganze Stück: "Für mein Herz genügt deine Brust / Für deine Freiheit genügen meine Flügel /Aus meinem Mund gelangt bis zum Himmel, was schlummerte auf deiner
Seele." Nach einigen satirischen Seitenhieben gegen den Che-Kommerz kommt das Stück zu Kern und Schluß: In
dem von Reinhard Sehiele neu übersetzten Monolog des Hamlet werden Parallelen sichtbar, die Hamlet als Ches alter ego erscheinen lassen, eine lyrische, bestechende Lösung. Dennoch verzweifelt der Protagonist
am Ende an erkanntem Mittelmaß seines Helden und seiner selbst und knipst Licht aus. Ein aufregender Theaterabend.
ila / Juni 2000
informationsstelle lateinamerika - monatsmagazin Che Eine deutsch-cubanische Theaterbegegnung
von Gert Eisenbürger
Meeresrauschen. An einem aus weißen Tüchern stilisierten Strand liegt ein junger blonder Mann. Ein Gringo
-Tourist auf Cuba? Er beginnt zu reden. Von Che, seinem Idol. Einem Helden, einem Revolutionär, einem „richtigen Mann“. Er zitiert dessen Tagebücher und Briefe. Die Identifikation ist nicht ungebrochen, Ches
Rigorismus, seine Arroganz und seine Mißachtung der Frauen, eigentlich alles Weiblichen, machen den Helden fragwürdig. Doch jenseits des Denkmals ist der andere Che, der seinen Tagebüchern die Zweifel und
Ängste anvertraut, der als Pubertierender genauso unsicher und verklemmt ist, wie seine Zeitgenossen, der
Asthmatiker, der immer nach Luft jappst und bei seinem ersten sexuellen Erlebnis - im der argentinischen Bürgerfamilie Guevara natürlich mit der Hausangestellten - mehrmals zum Inhalator greifen muss, weil ihm
die Puste ausgeht.
Was langsam anläuft, verdichtet sich zusehends. Die Grenzen zwischem dem Gringo -Touristen auf Cuba
und dem Che verschwimmen. In kurzen Zeitabschnitten geben sich verschiedenen Facetten des Che die Hand: der Abenteurer, der (Mutter)Sohn, der Revolutionär, der umjubelte und selbstverliebte Kommandant,
dessen Stimmung jäh umschlägt, als er zum überkritischen Zweifler wird, vor dessen Ansprüchen niemand, am wenigsten er selbst bestehen kann. Dieser schonungslose Selbstantreiber braucht neue
Herausforderungen, ein einziger Zipfel von Amerika ist erst der Dominanz des Imperialismus entrissen, wie kann er da Politiker und Familienvater auf Cuba bleiben. Also auf nach Bolivien - offenen Auges in den
Untergang. Die Sehnsucht nach dem Tod - endlich zur Ruhe zu kommen - steht gegen den Wunsch zu leben - dem menschlichsten aller Wünsche. Der Ausgang ist bekannt.
Doch der Tod ist nicht das Ende. Nach ihm kommt die Banalität: Che als Werbeträger. Vom Rasierwasser für wahre Männer bis zum Internet-Server Che-Online. Die Anspannung der ZuschauerInnen, die gerade noch
mit allen Sinnen hochkonzentriert das Geschehen auf der Bühne verfolgten, löst sich auf in Belustigung und Lachen. Die Marketing-Profis übernehmen die Rolle der Hans-Würste.
Dies ist kurz skizziert das, was der deutsche Schauspieler Olaf Reitz (Jg. 1969) und der cubanische Regisseur Eddy Socorro (Jg. 1950) in knapp 90 Minuten auf die Bühne bringen. Grundlage ihrer gemeinsamen
Arbeit war kein fertiges Stück, sondern die Idee Socorros, in Deutschland eine Bühnenproduktion über Leben, Werk und Mythos Ches zu machen. Eigentlich wollte er das Projekt mit dem Kinder- und
Jugendtheater Berlin realisieren, in dem er schon öfter inszeniert hat. Doch dort winkte man ab, das Projekt
wäre ungeeignet für das Haus. Auch wenn er längst von der Werbung vereinahmt ist, bleibt ein Che, der mehr ist als das bekannte Poster, offenbar eine Provokation mit ungewissem Ausgang.
Um die Produktion zu ermöglichen, sprang das Informationsbüro Nicaragua ein. Natürlich habe es Diskussionen gegeben, meint Annette Massmann, die das Projekt ins Infobüro getragen und auch betreut
habt. Sollte man sich auf die kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos Che einlassen war ebenso ein
Frage, wie die Finanzierung eines solches Projektes. Aber der Mut reichte aus, die Sache anzugehen und Geld konnte auch zusammengekratzt werden, selbst wenn beim Anträgestellen, einige Finger wundgeschrieben wurden.
Eddy Socorro und Olaf Reitz konnten mit der Arbeit beginnen. Zunächst in La Habana, später in Wuppertal.
Der Text, den sie im Laufe dieses Prozesses erarbeiteten, ist ein Collage aus eigenen Formulierungen, Zitaten Ches, einem ganz besonderen Gedicht von Mario Benedetti und einer Passage aus Shakespeares
Hamlet - über dessen Akualität sich nicht nur der Schreiber dieses Beitrags wunderte. Das Ergbnis ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Eine starke Textvorlage, eine fesselnde Inszenierung und
eine mitreißende schauspielerische Leistung. Nach einer relativ kurzem Warm-up-Phase wird aus einem Bühnenmonolog totales Theater. Olaf Reiz spricht, schreit, gestikuliert, schluchst, krümmt sich, bäumt sich
auf, verfremdet sich und dies alles im jähen Wechsel. Das all dies ausgereift wirkt und nicht den Workshop
-Charakter vieler Off-Theater-Produktionen hat, zeigt den erfahrenen Regisseur, der theatralische Mittel gekonnt einzusetzen weiss und auf überflüssige Effekt verzichtet.
„Che“ versteht sicht als deutsch-cubanische Theaterbegegnung. Eine äußerst fruchtbare Begegnung mit einem überzeugenden Ergebnis. Zunächst nur für das deutsche Publikum, aber für das kommende Jahr ist
geplant, die Produktion nach Cuba zu bringen. Für Eddy Socorro ist das ein wichtiges Ziel, auch wenn er vorraussieht, dass das cubanische Publikum mit diesem entmystifizierten Che nicht unbedingt glücklich sein
wird. Aber ganz sicher wird er zu produktiven Auseinandersetzungen führen. Dafür ist das Stück auf jeden Fall geeignet - und das nicht nur auf Cuba.
coolibri juni 2000 "Che, eine Theaterbegegnung"
von Olaf Reitz und Eddy Socorro im LCB, Wuppertal
Lebendiges Portrait eines toten Revolutionärs
"Che, eine Theaterbegegnung" heißt das Ein-Personen-Stück über einen Mythos und den Menschen
dahinter - eine subjektive Geschichte Ernesto Che Guevaras, erzählt vom Wuppertaler Schauspieler Olaf Reitz und dem kubanischen Regisseur Eddy Socorro, produziert vom Wuppertaler Informationsbüro Nicaragua.
Wenn Che leben würde, dann wäre er ... ja, was? Auf keinen Fall der Held der Linken und das vitale Symbol des Widerstandes, als das seine Ikone immer noch gilt und in seiner politischen Heimat Kuba nach wie vor
glühend verehrt wird. Die Idee, die Geschichte des Che auf der Bühne zu erzählen, wurde 1998 gemeinsam von Olaf Reitz und
Eddy Socorro geboren. Bis zu ihrer Realisierung vergingen zwei Jahre. Nun war endlich Premiere im LCB des Barmer Hauses der Jugend. So wie sie Reitz und Socorro erzählen, ist es die Geschichte eines Mythos, der
sich überlebt, und eines Menschen, der zu kurz gelebt hat. Eitel, Macho, launisch, idealistisch, in gewisser Weise auch naiv - so stellt Reitz seinen Che dar. Die
Bausteine dieses Bildes sind ebenso historische Fundstücke, wie sie Interpretationen derselben darstellen.
Der Blick ist liebevoll engagiert, gleichzeitig kritisch und ironisch, wobei die Perspektive sich gegen Ende des Stücks kontinuierlich erweitert und von der historischen Persönlichkeit des Revolutionärs abrückt.
Unversehens wird das Kuba, wie wir es heute kennen, zum Thema - als brüchige Enklave des Sozialismus einerseits, als Ziel sonnenhungriger Massentouristen andererseits. Das Leid und Elend, das Che so
entschlossen aus der Welt zu schaffen gedachte, regiert dort - wie überall in Lateinamerika - noch heute, während das Konterfei des Revolutionärs entrückt von T-Shirts und anderen Devotiorialien herablächelt:
Aus dem toten Che ist ein lebendiges Paradoxon geworden. Das Bewußtsein macht uns alle zu Feiglingen, die Angst verdammt uns zum Mittelmaß, läßt Reitz seinen Che
sagen, der dieser Aussicht einen sinnlosen Heldentod vorzog. Reitz und Socorro halten seine Ideale hoch und fallen künstlerischem Trotz anheim. Sie können nicht anders, als moralisch den Zeigefinger zu erheben
und sich einem Pathos zu beugen, dem wohl jeder zum Opfer fällt, der eine Utopie zu Grabe tragen muß, auch wenn es nicht die eigene ist.
Schön wär's gewesen ... doch das Leben behält leider recht. 60 Leute haben zugehört und sich von der Vorstellung bewegen lassen. Immerhin etwas. Katrin Ann Kunze,
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