der_bau

  der bau
von Franz Kafka

quadrophonische Installation "unter Tage" 

im Trainigsbergwerk der DSK in Recklinghausen

Projektidee und Realisierung: Olaf Reitz
Sprecher: Olaf Reitz
Quadrophonie & Sounddesign: Tim Buktu, Olaf Reitz
Aufnahmen, Abmischung & Mastering: Tim Buktu - manufaktur/Wuppertal

 

 Ein nicht näher bezeichnetes Wesen hat unter der Erde ein weit verzweigtes labyrinthisches Netz von Gängen, Nebenplätzen und einem groĂźen Hauptplatz geschaffen. Hier fĂĽhlt es sich sicher. Doch „Der Bau“ bietet nur scheinbar die wohlgelungene Sicherheit individueller Selbstverwirklichung. Der Traum von Stille und Frieden kann nicht – ja darf nicht beginnen.


                                       “Schön ist es fĂĽr das nahende Alter, einen solchen Bau zu
                                       haben, sich unter Dach gebracht zu haben, wenn der Herbst
                                       beginnt. Dort schlafe ich den sĂĽĂźen Schlaf des Friedens, des
                                       beruhigten Verlangens, des erreichten Zieles des
                                       Hausbesitzes.
                                       [...]
                                       Es gab glĂĽckliche Zeiten, in denen ich mir fast sagte, daĂź die
                                       Gegnerschaft der Welt gegen mich vielleicht aufgehört oder
                                       sich beruhigt habe [...]


Der Bau fasziniert, zieht den Leser förmlich hinein. Franz Kafka schafft es, diesem Wesen das „normale“ Leben einzuhauchen. Dieses Leben, nach dem wir alle streben: Glück und Sicherheit, Ruhe und Ordnung, Frieden. Einmal das Gefühl erleben, angekommen zu sein. Den Zustand erreichen, alles zu haben, kein Mangel mehr erleiden zu müssen. Einfach nur noch sein und genießen.

 Und obwohl eben alle Voraussetzungen geschaffen sind, funktioniert genau das nicht.

Kafka bietet mit diesem Werk einer theatralischen Umsetzung eine einmalige Chance an:
Die dem Theater wesensgemäße Visualisierung wird nicht bedient. In absoluter Dunkelheit schwindet zunehmend das Gefühl für die Relationen des Raumes und der Zeit. Das wird akustisch unterstützt. Dieses Erlebnis ermöglicht dem Zuschauer eine individuelle Imagination des von Kafka skizzierten Wesens samt seines Baus.
Das Wesen ist in den Köpfen.
Theater findet im Dunklen statt.
Der Zuschauer wird zum Voyeur des eigenen Selbst.

 

 TERMINE

 vom 7. Februar bis zum 20 April 2003 wurde diese Inszenierung im Trainingsbergwerk der       gezeigt. Dieses Ereignis fand sehr gute Resonanz und so konnten wir mehr als 800 Besucher aus ganz NRW und darĂĽber hinaus “unter Tage” begrĂĽĂźen.

Weitere Aufführungen sind in Vorbereitung. Die nächsten Gastspiele werden ebenfalls “unterirrdisch” in absoluter Dunkelheit stattfinden, aktuelle Termine gibt’s immer hier...

Falls Sie Interesse und Möglichkeiten haben, diese Aufführung zu sich zu holen, setzten Sie sich mit uns in Verbindung:

 

 Die CD

 

Die Hörspiel CD „Der Bau“ kann vor und nach der Veranstaltung oder über o.g. Kontakt erworben werden.
Preis 15,- € (bei Versand per Nachname zzgl. Versandkosten)
Oder Sie beziehen die CD ĂĽber Ihren Buchhandel.
guanako audio ISBN 3-9807289-2-
7

Rezensionen Hörbuch:
Das Literaturhaus | Wien [
www.literaturhaus.at]

Hier seien nun zwei CDs herausgegriffen und näher betrachtet. Bei der einen handelt es sich um ein Hörspiel mit Sounddesign, angelehnt an die Erzählung "Der Bau", bei der anderen um György Kurtágs eigenwillige musikalische Interpretation diverser Textfragmente aus Kafkas Feder. Die eine kommt aus Deutschland und die andere aus Ungarn.
[...]
"Der Bau", man kennt die Erzählung, ein Sich- Vergraben, Sich-Verstecken vor der Welt, hat etwas vom Traum der uneinnehmbaren Festung, des unauffindbaren Verstecks, des Refugiums, in dem man ganz sicher ist vor der Außenwelt. Die Beklemmung, die daraus resultiert, dass solche Träume ewig utopische bleiben müssen, steht auch in Olaf Reitz' Bearbeitung im Mittelpunkt, und zwar auf recht dramatische Weise. Kafkas Text dient als Folie für den eigenen Ausdruck eines Zwiespalts, der nicht - wie im Original - mehr oder weniger ruhig und besonnen von allen Seiten betrachtet, sondern stellenweise sehr emotional erlebt wird. Das manifestiert sich nicht zuletzt in der Intonation, die fast alle Stimmlagen kennt, vom (Beinahe-)Flüstern bis zum Beinahe-Schreien. Das Sounddesign hält sich, was sprachunabhängige Töne und Geräusche betrifft, dezent im Hintergrund, wird nie zum Selbstzweck, sondern beschränkt sich darauf, die Stimmung des Textes zu verstärken, dem Leser Gelegenheit zu geben, in Sprechpausen über das Gehörte nachzudenken, und von einer Passage bis zur nächsten überzuleiten. Und nicht zuletzt dient die Tonkulisse, vor allem gegen Ende hin, auch dem Spannungsaufbau. Schon seit 1998 hat der 33-jährige Projektkünstler aus Wuppertal immer wieder
Hörspiele veröffentlicht, "Der Bau" ist allerdings seine erste CD zu einem Kafka-Text, die er zu Recht mit der "Warnung" versehen hat: "Benutzen Sie Ihre Anlage bitte in gewohnter Lautstärke; es beginnt leise." Und so leise bleibt es tatsächlich nicht, spätestens dann wenn es spannend wird ...
Spannend wird es auch bei György Kurtág, wenn auch auf völlig andere Art und Weise. Während sich Olaf Reitz' Interpretation auch einem ungeübtem Hörer bereits beim ersten Durchgang erschließt, keine sonderlich tiefe Beschäftigung weder mit Kafka noch mit dem Genre Hörspiel verlangt, und den Zuhörer von der ersten Minute an in seinen Bann zieht, erzeugen Kurtágs Kafka -Fragmente zunächst einmal vor allem Befremden. Opernstimme, Dissonanzen, für Laienohren keinerlei Melodie erkennbar.
[...]
[(c) Sabine E. Selzer - 26. August 2004 in: http://www.literaturhaus.at/buch/hoerbuch/rez/kafkabaukurtag/]

 

 König Angst

Es blubbert, klackert, wummert, schmatzt - sich steigernd und damit dem Textfluss entsprechend. Der Erzähler sucht Schutz, auch vor den “Wesen der inneren Erde”. Dabei weiss es schon von Anfang an, welch fragwĂĽrdige Sicherheit sein “Bau” bietet. Das paranoide Ich gibt sich seinen Ă„ngsten ungehemmt hin: Vieldeutiger Kafka Horror, wie er im Buche steht. Der Bau wird zur Burg, zum Imperium. Metallklänge kĂĽnden von der “völligen Umkehrung der Verhältnisse”. Gemeinsam mit dem KlangkĂĽnstler Tim Buktu mĂĽnzt Olaf Reitz, Leiter des Deutschen Kafka Theaters, dieses nachgelassene Erzählfragment ĂĽberzeugend zum Hörspiel um.                                                                                                                                                                  eNTe

 Reitz spricht Kafka 

Innere Sicherheit

 Vor knapp 80 Jahren, ein halbes Jahr vor seinem Tod, schrieb Franz Kafka das Erzählfragment „Der Bau“ – ein Stoff, der wie fĂĽr die derzeitige weltpolitische Situation gemacht scheint, mĂĽssten paranoide Kriegstreiber damit doch dauerbeschallt werden. „Ein nicht näher bezeichnetes Wesen hat unter der Erde ein weitverzweigtes labyrinthisches Netz von Gängen geschaffen. Hier fĂĽhlt es sich - im Gegensatz zu einem Leben in sinnloser Freiheit voller Gefahren - sicher. Doch im ständigen Nachsinnen ĂĽber Feinde von innen und auĂźen, zeigt sich die Absurdität seines groĂźen Lebenswerkes. Der Bau bietet nur scheinbar die wohlgelungene Sicherheit individueller Selbstverwirklichung.“ Der Wuppertaler Schauspieler, Regisseur und Sprecher Olaf Reitz inszeniert seit Februar Kafkas „Bau“ in absoluter Dunkelheit im Trainingsbergwerk der Deutschen Steinkohle AG Recklinghausen. Nun liegt das Hörerlebnis auch als CD vor. Darauf ist es Reitz nicht nur einmal mehr gelungen, mittels seiner äuĂźerst markanten Stimme eine hochkarätige Erzählung zu rezitieren, er schafft es auch, dem abgegrenzten, panischen Wesen spĂĽrbar Leben und damit der Finsternis Licht einzuhauchen.

JD

 REGIONALES | Panorama
 20.03.2003 - 06:00

 

 

 Â«Der Bau» - Olaf Reitz spricht Franz Kafka

Wuppertal (egg) - Nach der erfolgreichen Aufführung der Dramatisierung von Franz Kafkas nachgelassenem Erzählfragment «Der Bau» durch den Wuppertaler Schauspieler Olaf Reitz im Trainingsbergwerk der Deutschen Steinkohle AG in Recklinghausen liegt jetzt eine Hörspielfassung auf CD vor.

Der innere Monolog eines denkenden Wesens, das sich der Welt entzogen und sich der vermeintliche Sicherheit eines labyrinthischen Gänge-Systems unter der Erde anvertraut hat, ist ein 60 Minuten währender Abstieg in die tiefsten Tiefen einer Ă„ngsten, Zweifeln und aussichtslosen Perspektiven geschĂĽttelten Kreatur, ein aufrĂĽttelndes  Wechselbad von GefĂĽhlen eines unrettbar Einsamen. Olaf Reitz, dessen ausdrucksvolle und nuancenreiche Stimme ein beeindruckendes Hörerlebnis beschert, durchschreitet, durchkriecht diese dĂĽstere lichtlose Welt in atemberaubender EindrĂĽcklichkeit,  vermittelt Angst und Verzweiflung, Hybris, Hoffnung und Euphorie, die ganze Paranoia des von Kafka skizzierten und vom ihm körperlos verkörperten Wesens.

Das faszinierende, ängstigende Psychogramm dieser letzten von Kafka geschaffenen Figur auf der Grenze zwischen Mensch und Metamorphose wurde von Reitz und dem Wuppertaler Sounddesigner Tim Buktu mit einer Klangkollage unterlegt, welche die chtonische Welt, in der sich die Gedankengänge des Wesens artikulieren, hörbar macht. Empfehlung: im Dunkeln hören! Die CD gibt es mit der ISBN 3-9807289-2-7 im Buchhandel oder man kann sie direkt beim Label guanako audio bestellen.

 

 Presse

 

 WZ | 8.12.2003

Panikattacken im Labyrinth

45rpm: Olaf Reitz präsentierte Kafkas „Der Bau"

Von Jan Drees

„Nicht Sicherheit, sondern Freiheit legitimiert den modernen Staat.“ Diese Erkenntnis, so formuliert vom Berliner Jura -Professor Peter-Alexis Albrecht, kann auch als Aussage von Franz Kafkas Romanfragment „Der Bau“ gelten.

Der Wuppertaler Schauspieler Olaf Reitz zeigte seine Soloinszenierung Freitag und Samstag im 45rpm-Club. Zuvor war sie über Monate im Recklinghauser Lehrbergwerk - unter Tage - zu hören und wurde gefeiert.

In absoluter Dunkelheit, in der lediglich Reitz' Stimme über eine vierspurige Tonanlage Angst und zugleich intellektuelle Faszination ausdrückt, wird die rätselhafte Geschichte eines nicht näher bestimmten Wesens erzählt. Dieses hat in der Erde ein Labyrinthsystem nebst Festung, einen Bau, errichtet. Plötzlich hetzt es jedoch panisch aufgeschreckt durch die Gänge. Naht der Feind? Lauert etwas?

Während die Lesung vollständig vom Band läuft, irrt Reitz selbst umher, verstärkt den räumlichen Effekt, indem er mitspricht, Zuschauerärmel streift und die Dichtung noch einmal verdichtet. In der Dunkelheit entfaltet sich auf diese Weise ein hochaktuelles Spiegelspiel um Wahn und Sicherheit. Schon früh sucht das Wesen beispielsweise einen Gegenspieler, der womöglich durch die schwächste Stelle, den Eingangsschacht, ins Labyrinth gelangt sein könnte, so dass er sich diesem „an die Kehle werfen" müsste.

Wir erkennen uns erst im Widerschein des Gegenentwurfs, sagt das Stück aus, das Olaf Reitz bravourös zur rechten Zeit umgesetzt hat. Denn hier entfaltet sich exemplarisch Immanuel Kants Idee, dass Freiheit - und nur diese - der eigentliche Grund menschlichen Daseins ist.

                                                                                              Steinkohle 4/2003

"Der Bau" - eine dunkle Phantasiereise

Völlig losgelöst 

"Eine tolle Erfahrung", sagt Irene Fiedtkiewicz aus Herne ganz begeistert. "Völlig losgelöst" habe sie sich gefühlt, schildert die Oberhausenerin Birgit Stübler - erste Eindrücke nach dem Besuch der Kafka-Inszenierung "Der Bau" von Olaf Reitz, freier Schauspieler, Regisseur und Sprecher sowie einer der künstlerischen Leiter des Deutschen Kafka Theaters, Wuppertal. Das Publikum erlebte ein interessantes Stück an einem außergewöhnlichen Ort in ungewöhnlicher Atmosphäre. Schauplatz ist das Trainingsbergwerk der Deutschen Steinkohle AG in Recklinghausen, das erstmalig für ein Theaterstück die Bühne bietet. Die Inszenierung findet statt in absoluter Dunkelheit.

Einst diente die Bergehalde des ehemaligen Bergwerks Recklinghausen als Schutzraum für die dort arbeitenden Bergleute und die Anlieger während des Zweiten Weltkriegs. Heute erfolgt hier ein Teil der Aus- und Fortbildung der DSK Belegschaft, zum anderen können Besucher die Untertagewelt wirklichkeitsnah erleben. Ein Grund dafür, dass Reitz sich keine bessere Örtlichkeit für die Aufführung vorstellen konnte. "Der Bau" im Bau passend zum Stück, denn in Kafkas literarischem Werk hat sich ein nichtnäherbezeichnetes Wesen unter der Erde ein weit verzweigtes labyrinthisches Netz geschaffen. Hier fühlt es sich - im Gegensatz zu einem Leben voller Gefahren über Tage - sicher. Doch das angestrebte vollkommene Glück ist nur Illusion. Ausgestattet mit Helm, Fahrmantel und festem Schuhwerk betritt das Publikum erwartungsvoll das Stollennetz des Trainingsbergwerks. Bis zum eigentlichen Ort des Geschehens sind es nur ein paar Meter. Die Pumpenkammer ist bald erreicht, die aufgeregten Gespräche verstummen. Das Licht verlöscht und undurchdringliche Dunkelheit umfängt die Besucher. Die Inszenierung beginnt: Aus unterschiedlichen Richtungen ertönen verfremdete Untertagegeräusche sowie die rezitierende Stimme von Olaf Reitz. Der Zuhörer soll, so der Regisseur, seiner Phantasie freien Lauf lassen, um ein Geschöpf nach seinen Vorstellungen zu kreieren. Jeder Zuhörer durchlebt so eine individuelle Theateraufführung. Das macht den besonderen Rei(t)z des Stückes aus. sz

Dienstag, 18. März 2003                                                                      WESTEN/RUHRGEBIET

Kafka im Stollen liefert Theater mit Gänsehaut-Effekt

 WAZ Recklinghausen. Wenn sich die Stahlschleusen laut zischend hinter den Besuchern geschlossen haben, beginnt in völliger Finsternis ein Theatererlebnis mit Gänsehaut-Effekt. Im Stollen des Recklinghäuser DSK-Trainingsbergwerks inszeniert Olaf Reitz eine Begegnung mit Franz Kafka.

Aus Kafkas Erzählfragment "Der Bau" schuf der Wuppertaler Regisseur, Schauspieler und Mitbegründer des Deutschen Kafka-Theaters eine quadrophonische Installation. Bei der Suche nach einem geeigneten Aufführungsort entdeckte der 32-Jährige auf den Internet-Seiten der Deutschen Steinkohle das Hochlarmarker Lehrbergwerk als ideale Kulisse für sein Vorhaben.

Mit viel bergmännischer Unterstützung wurde der Stollen zum Schauplatz kafkaesker Theaterkunst. Wo sonst Schulklassen und internationale Gäste Gelegenheit bekommen, den sterbenden Bergbau noch einmal ganz alltagsnah zu erfahren, gibt es nun bis zum 20. April an jedem Wochenende drei Aufführungen des Theaters im Dunkeln.

WAZ-Bild: Dirk Bauer: Regisseur im Bergmannskittel:
Olaf Reitz inszeniert im Trainingsbergwerk Kafka - ein Theatererlebnis mit einem kräftigen Schuss Grusel.

Ausgerüstet mit Helm und Bergbaukittel erwarten die Besucher mit Spannung den Vorstellungsbeginn. Doch Vorsicht! Der "Bau" ist nichts für schwache Nerven. Denn mit dem ersten Ton gehen im Stollen buchstäblich alle Lichter aus. Kein noch so winziger Schimmer erhellt die Szenerie. Olaf Reitz spielt mit der Phantasie der Theaterbesucher, lässt die Stimme des Wesens um die maximal 50 Theaterbesucher wandern und reichert die bedrückend bis unheimlich anmutende Atmosphäre geschickt mit Geräuschen aus dem Bergbaualltag an. Mit jeder Minute verstärkt sich das Gefühl, tief in eine dustere Welt unter Tage eingetaucht zu sein. Dabei sind es nur ein paar Meter bis zum rettenden Ausgang.

Weil es an optischen Reizen fehlt, entstehen Bilder vor dem geistigen Auge. Die "Burg" und das nicht näher beschriebene Wesen nehmen Gestalt an.

Selbst eingefleischten Kafka-Fans und hartgesottenen Helden kann es da ein bisschen mulmig werden. Wer die starken Eindrücke und die totale Dunkelheit nicht bis zum Ende der rund 50-minütigen Vorstellung aushält, hat jederzeit die Möglichkeit zur Flucht. Klaus Ehrenheim und seine Kollegen vom Recklinghäuser Lehrbergwerk sind immer zur Stelle, um im Notfall sicheres Geleit ins Freie zu geben.

Seitdem im Hochlarmarker Lehrbergwerk kein Bergbaunachwuchs mehr ausgebildet wird, sind sie daran gewöhnt, hier eine andere Klientel von Werktätigen zu betreuen - oft aus Kultur- und Medienlandschaft. Selbst prominente Filmemacher wie Sönke Wortmann wissen das DSK-Trainingsbergwerk als Kulisse für authentisches Revierkolorit zu schätzen. Hier drehte der Regisseur die Untertage-Szenen für seinen neuen Kino-Film "Das Wunder von Bern". Im echten Bergbau hätte der technische Aufwand dazu jedes Film-Budget gesprengt. In Recklinghausen gab es die Original-Kulisse gratis.

Bis 20. April gastiert das Kafka-Theater im Recklinghäuser Trainingsbergwerk. "Der Bau" wird freitags und samstags, 19 Uhr, sonntags 18

17.03.2003   Von Martina Möller

  Unter Tage:

Kafka-Installation,

unsichtbar

Theater: "Der Bau" im Trainingsbergwerk

Recklinghausen · Wir fahren ins Bergwerk ein und erleben eine Inszenierung von Kafkas Erzählung "Der Bau". Die Stollen erinnern uns an die vom Ich-Erzähler gegrabenen Gänge seiner unterirdischen Behausung. Falsch, ganz falsch. Das Deutsche Kafka Theater aus Wuppertal hat das Trainingsbergwerk der Deutschen Steinkohle AG in Recklinghausen, das übrigens ebenerdig in einen Berg hineinführt, als Ort gewählt, weil es dort absolute Dunkelheit gibt. Es setzt den KafkaText nicht vor unseren Augen in Szene, sondern bietet ihn als "quadrophonische Installation".

Eine Stunde lang bleiben die Augen ausgeschaltet: An diese Form der Dunkelheit können sie sich nicht gewöhnen (selbst die von allen Zuschauern getragenen weißen Bergwerksmäntel und -helme sind nicht auszumachen). Alles konzentriert sich aufs Hören. Die Stimme des für den Abend verantwortlichen Olaf Reitz durchlebt den (natürlich gekürzten) Kafka-Text, elektronische Klänge verstärken und verfremden die denkbaren Geräusche im "Bau".

Das ist weit mehr als nur ein Hörspiel im Dunkeln. Als Besucher macht man vielmehr existentielle Erfahrungen: Erlebt ausgerechnet in unserer visuell geprägten Welt das Hören als Urinstinkt und das Ohr als wichtigstes Organ, um zu überleben. Kafkas "Held" hört seine Feinde, er sieht sie nicht.

Dann beginnen wir, unser Selbst nonvisuell wahrzunehmen, ohne Körper, ohne Form. Der Verlust des Materiellen lässt uns zweifeln: Was ist Realität, was Traum, was Sein; was bloßer Schein? -Ein intensiver Kafka-Abend, über den man sich hinterher im persönlichen Gespräch mit den Theaterleuten austauschen kann- · Klaus Stübler

 

Wuppertal/Recklinghausen - In Zeiten absoluter Reizüberflutung und damit eines Verkümmerns unserer originären Sinneswahrnehmungen beschreitet das Deutsche Kafka Theater in Wuppertal, das bislang durch mehrere innovative Theaterproduktionen von sich Reden machte, auch mit seinem jüngsten Projekt «Der Bau» wieder einmal neue grenzüberschreitende Wege der Begegnung mit Kunst. Von Olaf Reitz, dem künstlerischen Co-Leiter des Theaters stammen Idee und Inszenierung der «quadrophonischen Installation unter Tage», die am 7. Februar Premiere hatte. Ein Ereignis, das nicht im wohl vertrauten Raum eines Theaters stattfand, sondern in einem Stollen des Trainingsbergwerks der Deutsche Steinkohle AG auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Recklinghausen II. Wie sich erweisen sollte, ungewöhnlich und passend zugleich für die dramatische Umsetzung eines 1923 entstanden und nur als Fragment erhaltenen Prosatextes von Franz Kafka, der - wie in der Kafka-Rezeption üblich – einer Vielzahl von Deutungsversuchen ausgesetzt war und ist.

            Ungläubiges Staunen und verhaltene Irritation machten sich
            demzufolge breit, als sämtliche Premierenbesucher mit Helm und
            Schutzmänteln ausgestattet, von ausgebildeten Bergleuten durch
            mehrere laut zischende Stahlschleusen hindurch, ĂĽber holprige
            Schienenstrecken hinweg, vorbei an tropfenden Wänden in engen
            Gängen zum eigentlichen «Spielort» geführt wurden. Dass das Ganze
            in seiner Wirkung noch eine Steigerung erfahren sollte, war zu
            diesem Zeitpunkt eventuell nicht jedem in Gänze klar. Spätestens
            dann jedoch, als alle am Ort des Geschehens ihren Platz
            eingenommen hatten und alsbald von völliger Dunkelheit schwärzer
            als die Nacht umgeben waren. Alle Irritationen ausgeschaltet. Nichts
            sehen – nur hören. Die unbeschreibliche Stimme des rezitierenden
            Olaf Reitz, der mal explorierend, dann wieder deklamierend die
            impliziten und expliziten Gefühlswelten des Kafka`schen nicht näher
            bestimmten Wesens simuliert und vor dem inneren Auge der Zuhörer
            heraufbeschwört. Das Ich in Kafkas «Der Bau» durchlebt
            nacheinander diverse Stadien des Selbstvertrauens, der Verzweiflung
            und der Erkenntnis seiner Niederlage. Die verpassten Möglichkeiten
            sind ein Leitthema der Erzählung.

            Gängige Sprache versagt beim Beschreiben der Töne und Klänge -
            mal nah, mal fern, mal in einem selbst oder um einen herum.
            Gehörtes und Assoziiertes vermischen sich auf seltsame Weise. Der
            Zuhörer weiß um die Existenz des Bergwerkstollens in der Realität, -
            hört er doch die eingespielten originalen, aber verfremdeten
            Unter-Tage-Töne wie tropfendes Wasser oder harte, metallische
            Klänge. Die aufgebauten Illusionen reichen jedoch so weit, dass man
            sich alsbald in Kafkas «Bau» wähnt. Das «Wesen» scharrt und
            kratzt, gibt schnüffelnde, schmatzende Geräusche von sich.
            Spannung baut sich auf durch den Wechsel der Stimmungen des
            Wesens zwischen Ruhe und Unruhe, die Reitz mit unnachahmlichem
            Timbre plastisch entstehen lässt. Beängstigende Stimmung greift um
            sich, wenn er durch seinen genialen Vortrag die Dichte der
            Kafka`schen Sprache vorantreibt, völlig eins mit ihr wird, da wo
            Kafka Festgestelltes hin und her wendet, ĂĽber Vor- und Nachteile
            räsoniert, immer wieder einräumt, Spekulationen nachgeht,
            Hypothesen aufstellt, diese modifiziert oder in der Schwebe lässt, bis
            er sich auf einen neuen Punkt der Auseinandersetzung konzentriert:
            «Kann ich dem, welchem ich Aug in Aug vertraue, noch ebenso
            vertrauen, wenn ich ihn nicht sehe …?» Was bedeutet das für den
            nicht sehenden Zuhörer?

            Die Reitz`sche Inszenierung liefert einen ganz eigenen
            Interpretationsansatz. Ăśber das einzigartige und besondere
            individuelle Hörverstehen jedes einzelnen Zuhörers hinaus bleibt die
            Polyvalenz des ästhetischen Textes bestehen. Eröffnet und initiiert
            wird nicht nur eine einzig wahre gĂĽltige und vorgefertigte Deutung,
            die sich bei einer visualisierten Darstellung schnell einstellt, sondern
            hier geht es um Sinnangebote, die sich im hörenden Rezipienten
            selbst einstellen bzw. die er bereits in sich trägt, weil er in einer nie da
            gewesenen puren Art und Weise sein Selbst im Gehörten und
            Erlebten spiegeln kann. Theater findet im Kopf des Rezipienten statt.
            Kafka verliert das Kafkaeske.

            Annette Arhelger

             

Kafkas Fantasie-Wesen im Bergwerks-Dunkel

"Der Bau" von Franz Kafka, eine quadrophonische Raumklanginstallation, hatte am Freitag Abend Premiere. Der Veranstaltungsraum war eher ungewöhnlich: das Trainingsbergwerk der DSK.

Die Zuschauer wurden mit Fahrmantel und Sicherheitshelm versehen und von DSK-Öffentlichkeitsmitarbeiter Klaus Ehrenheim zu ihren Plätzen geführt. Ungewöhnlich auch die Inszenierung: Sie fand bei völliger Dunkelheit statt.

              Darbietung der ganz besonderen Art: An der Wanner Straße ist in den nächsten Wochen das "Theater im Dunkel" mit Regisseur Olaf Reitz zu sehen.

              WAZ-Bild: Dirk Bauer 

 

Als das Licht erlosch, erhob sich die wohlklingende Stimme von Olaf Reitz. Kafkas Geschichte erzählt von einem Wesen, das sich einen Bau mit mehreren Gängen angelegt hat. Einen so genannten Burgplatz hat der Bau ebenfalls. Hier fühlt sich das Wesen zunächst sicher. Dann aber erkennt es, dass diese Sicherheit nur eine scheinbare ist. Eingebildete und reale Feinde jagen dem Wesen Ängste ein. Mehr und mehr misstrauisch beäugt es dann seinen Bau von innen und von außen, bis es schließlich in Panik erstarrt.

Da das Wesen nicht näher bezeichnet wird, kann der Zuschauer seiner Phantasie freien Lauf lassen. In der Dunkelheit ertönte Reitz´ Stimme von der Seite, von hinten und von vorn. Unterstützt wurde die Inszenierung von verschiedenen Geräuschen.

Es war eine beeindruckende Inszenierung. Die Idee, sie in der Dunkelheit aufzuführen, trägt. So hatte der Zuhörer die Möglichkeit, eigene Bilder entstehen zu lassen und seine Vorstellungen von Sicherheit und Freiheit in Frage zu stellen.

Bis Ostersonntag werden noch 32 AuffĂĽhrungen folgen. Wer sich im Dunklen nicht fĂĽrchtet, sollte sich diese Erfahrung nicht entgehen lassen.

 

 Franz Kafka

 1883

Franz Kafka wird am 3. Juli als ältestes Kind des  mittelständischen Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie, geb. Löwy, in Prag-Altstadt geboren.

1889-1893

Besuch der ›Deutschen Knabenschule am  Fleischmarkt‹.

1893-1901
Staatsgymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt. Freundschaft mit Hugo Bergmann und Oskar Pollak. FrĂĽhe literarische Versuche (vernichtet).

          1901

          Beginn des Studiums an der Deutschen Universität Prag, zunächst Chemie, dann Jura. Kunsthistorische und philosophische Vorlesungen.

          1902

          Germanistisches Studium im Sommersemester. Begegnung mit Max Brod. Beschäftigung mit der Philosophie Brentanos im Philosophenzirkel um Berta Fanta.

          1903

          Rechtshistorische StaatsprĂĽfung. Sanatoriumsaufenthalt, Reisen.

          1904

          Arbeit an Beschreibung eines Kampfes.

          1905

          Im Sommer im Sanatorium Schweinburg in Zuckmantel. Beginn der regelmäßigen Treffen mit Oskar Baum, Felix Weltsch und Max Brod.

          1906

          Promotion zum Dr.jur. Praktikum am Landgericht und Strafgericht. Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande.

          1907

          Aushilfskraft‹ in den ›Assicurazioni Generali‹ in Prag.

          1908

          Acht Prosastücke in Franz Bleis Zeitschrift Hyperion veröffentlicht. ›Aushilfsbeamter‹ in der Arbeiter -Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen‹ in Prag. Engere Freundschaft mit Brod.

          1909
          Reise mit Max und Otto Brod nach Riva am Gardasee. Die Aeroplane in Brescia. Beginn der TagebĂĽcher.

          1910

          Ernennung zum ›Anstaltsconcipist‹. Besuch sozialistischer Versammlungen; Kontakte zum anarchistischen ›Klub mladých‹. Begegnung mit jiddischem Theater. Reise mit Max und Otto Brod nach Paris.

          1911

          Zahlreiche Dienstreisen. Reise mit Max Brod an die oberitalienischen Seen und nach Paris. Naturheilsanatorium Fellenberg. Stiller Teilhaber an der Asbestfabrik des Schwagers Karl Hermann. Freundschaft mit Jizchak Löwy,
          dem Mitglied einer jiddischen Schauspielertruppe;Beschäftigung mit dem Judentum.

          1912

          Der Verschollene. Reise mit Max Brod nach Weimar. Naturheilsanatorium ›Jungborn‹ im Harz. Erste Begegnung  mit Felice Bauer. Freundschaft mit Ernst WeiĂź. Das Urteil, Die Verwandlung. Erscheinen des Prosabandes Betrachtung.

          1913

          Ernennung zum ›Vicesekretär‹. Reise nach Triest, Venedig, Verona und Riva. Erscheinen von Der Heizer.Bekanntschaft mit Grete Bloch.

          1914Verlobung mit Felice Bauer am 1. Juni in Berlin.Entlobung im Juli. Arbeit an Der ProceĂź, In der Strafkolonie, Der Dorfschullehrer, Erinnerungen an die Kaldabahn, Der Unterstaatsanwalt.

          1915

          Wiedersehen mit Felice Bauer. Carl Sternheim gibt die Geldprämie des Fontanepreises an Kafka weiter. Die Verwandlung erscheint. Blumfeld, ein älterer Junggeselle.

          1916

          Aufenthalt mit Felice Bauer in Marienbad. Das Urteil erscheint. Lesung von In der Strafkolonie in München. Ab November Beginn der Arbeit an den Landarzt-Erzählungen (Auf der Galerie, Ein altes Blatt, Schakale und Araber, Ein Brudermord, Ein Bericht für die Akademie u.a.).

          1917

          Eigene Wohnung im Schönborn-Palais in Prag. Hebräisch-Studien. Zweite Verlobung mit Felice Bauer . Anfang August Blutsturz, Beginn der Lungentuberkulose. Übersiedlung nach Zürau zur Schwester Ottla. Entlobung. Bekanntschaft mit dem Psychoanalytiker Otto Groß (gemeinsamer Zeitschriftenplan ›Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens‹). Beim Bau der chinesischen Mauer, Das Schweigen der Sirenen u.a. Erzählungen.

          1918

          Wiederaufnahme der Arbeit in der Versicherungsanstalt. Aufenthalt in Schelesen. Auseinandersetzung mit dem Zionismus.

          1919

          Verlobung mit Julie Wohryzek. Brief an den Vater. Erscheinen von In der Strafkolonie. Begegnung mit Minze Eisner.

          1920

          Beförderung zum ›Anstaltssekretär‹. Er-Aphorismen. Bekanntschaft mit Gustav Janouch. Sanatorium in Meran. Beginn des Briefwechsels mit Milena Jesenska-Pollak, Besuch in Wien. Arbeit an zahlreichen Erzählungen. Auflösung der Verlobung mit Julie Wohryzek. Erscheinen von Ein Landarzt. Sanatorium in Matyliary (Hohe Tatra).

          1921

          Freundschaft mit Robert Klopstock. Ab Herbst wieder in Prag. Ăśbergabe der TagebĂĽcher an Milena Jesenska.

          1922

          Spindelmühle. Beförderung zum ›Obersekretär‹; Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen. Arbeit an Das Schloß, Forschungen eines Hundes, Ein Hungerkünstler. Aufenthalt in Plana bei Ottla.

          1923

          Plan, nach Palästina auszuwandern. Übersiedlung nach Berlin zu Dora Diamant. Eine kleine Frau, Der Bau.

          1924Ab März wieder in Prag. Kehlkopftuberkulose. Arbeit an Josefine, die Sängerin. Ab April mit Dora Diamant und Robert Klopstock im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Wien, wo Kafka am 3. Juni stirbt. Ein Hungerkünstler erscheint. Der Proceß erscheint posthum im Jahr 1925
          .