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das Stück die Musik zur Inszenierung die Besetzung Rezensionen
Uraufführung:
Musiktheater In der Strafkolonie Franz Kafka
Eine Produktion des Deutsches Kafka Theater / HAMLET
Zum Stück
Der Reisende - offensichtlich ein namhafter Wissenschaftler - ist zu Besuch in einer Strafkolonie. Eine
junge Frau (Die Offizierin) demonstriert dem Reisenden mit grosser Hingabe die Funktionsweise eines Hinrichtungsapparates, der von dem ehemaligen Kommandanten der Strafkolonie konstruiert wurde. Um
dem Reisenden die Funktionsweise des "Apparates" praktisch zu demonstrieren, hat sie einen
Verurteilten, "einen zum Mitleid garnicht auffordernden Menschen" mitgebracht, der sich widerstandslos in
den Apparat einspannen lässt. Die Offizierin will den Reisenden von der Genialität des Appartes, durch
den "Gerechtigkeit geschieht" überzeugen und ihn gewinnen, sich beim neuen Kommandanten (der noch
schwankt, ob der Apparat weiterhin verwandt werden soll) und in der Öffentlichkeit der Starfkolonie für
die Fortsetzung des segensreichen Wirkens des Apparates einzusetzen. Als der Reisende es ablehnt,
sich in die inneren Angelegenheiten der Strafkolonie einzumischen, bricht die Offizierin die Hinrichtung ab
und legt sich selbst in den Hinrichtungsapparat, der sofort zu arbeiten beginnt und sich dabei selbst
zerstört. Entsetzt flieht der Reisende aus der Strafkolonie und wehrt Sträflinge und Soldaten ab, die ihm folgen wollen.
Inhaltliches zur Inszenierung
Über die herausragende Bedeutung des „Klassikers der Moderne" Franz Kafkas für die deutsche und die
Weltliteratur, seinen anhaltend großen Einfluss auf die Entwicklung aller Künste noch Worte zu verlieren, wäre müßig.
Dennoch gilt sein Werk - zumal den meisten nur unvollständig und als "Pflichtlektüre" aus der Schule
bekannt - insb. in Deutschland als schwierig, beklemmend , ja, als bizarr („kafkaesk"). Dazu kommt, dass die traditionelle Kafka Interpretation neben der Fixierung auf das vermeintlich Unheimliche, Bedrückende,
seinem Werk eine Allegoriehaftigkeit unterstellt, die als zentrale Botschaft angeblich soetwas wie
„Verlorenheit des Menschen in der modernen Welt", als zentrale Botschaft enthalte und ein fatalistischen Menschenbild zeichne.
Hans Gerd Koch, Herausgeber der „Kritischen Gesamtausgabe" der Werke Franz Kafkas, sagt dazu:
'Es gilt Abschied zu nehmen von der Vorstellung, daß die Interpretation eines Kafka Textes
gleichzusetzen ist mit der Entschlüsselung eines verborgenen Sinns, der Entdeckung einer Kernaussage oder gar der gleichnishaften Darstellung eines Modells der Wirklichkeitsbewältigung. Die
Deutungsgeschichte zeigt, daß "verstehen" sich als unaufhörlicher Prozeß vollzieht, daß dem Text als Kunstwerk keine feste, unveränderliche und eindeutig bestimmbare Bedeutung "innewohnt".
Kurt Tucholsky hat die herausragende Qualität gerade von IN DER STRAFKOLONIE bereits 1920 gesehen,
wenn er in seiner Rezension (Prager Tageblatt v. 13 .Juni 1920) schreibt:
„Dieses Kunstwerk ist so groß, daß es keiner Entschuldigung bedarf, und eine Allegorie ist erst recht nicht
vonnöten. Es ist ganz etwas anderes."
und kommt zu dem Schluss:
„Ihr müßt nicht fragen, was das soll. Das soll gar nichts. Das bedeutet gar nichts. Vielleicht gehört das
Buch auch gar nicht in diese Zeit, und es bringt uns sicherlich nicht weiter. Es löst keine Probleme und weiß von keinem Zweifel und Fragen. Es ist ganz unbedenklich. Unbedenklich wie Kleist."
Was will also die Inszenierung von IN DER STRAFKOLONIE?
Diese Bearbeitung für das Theater und Inzenierung sieht vor allem die herausragende und zeitlose
Qualität von Kafkas Werk, seine über eine bloß fatalistisch und banal moralisierende Zivilisansmetaphorik weit hinausgehende präzise Kritik des Bewusstseins des „Menschen der Neuzeit und nicht zuletzt die
großartige Ironie.
Franz Kafka lässt den zum Menschen gewordenen Affen in seiner Erzählung „Ein Bericht für eine
Akademie" zum Ende seines Vortrags sagen: „Im übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch
Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet."
Das will auch diese Inszenierung. Sie will „nur" berichten.
Sie will eine Geschichte, die sich der Schriftsteller Franz Kafka ausgedacht und zu Papier gebracht hat,
mit den künstlerischen Möglichkeiten verwirklichen, die das (Musik-) Theater anbietet und damit unmittelbar erfahrbar machen.
Was sie nicht will, ist, vorgefertigte Antworten geben. Und sie will auch nichts, was uns ganz persönlich in und an dieser Welt unverständlich erscheint, den Theaterbesuchern sozusagen im Rahmen eines uns
als Künstler (von wem auch immer) angeblich „stellvertretend" erteilten Auftrages "verdeutlichen",
geschweige denn erklären, und schon gar nicht soetwas wie "praktische Lebenshilfe" geben.
Nein, diese Inszenierung erlaubt sich ausgehend von Franz Kafka sogar, der/dem TheaterbesucherIn
Fragen zu stellen. Sie will sie/ihn höchstens anregen, - wenn sie/er das will - die aufgeworfenen Fragen selbst Antworten zu finden.
So u.a. die Frage , welche Konsequenzen es für unsere Bewusstsein und unsere Humanität es hat, wenn wir glauben, die wir ja den das Genie besitzen, immer genialere Technologien zur Überwindung
unserer Natur gegebenen Mängel zu erfinden, auch unsere ethisch sittliche Misere durch immer größere technologische Perfektion unserer Apparate überwinden zu können?!
Das Unheimliche entsteht - so Sigmund Freud - oft aus der Überbetonung der psychischen Realität im
Bezug zur materiellen Wirklichkeit. U.a. so entsteht bei Kafka das Groteske und der verführerische Reiz zum allegorisch sinnbildhaften
Gebrauch von Ereignis, Raum und Materie, was sich jedoch in der hohen Wahrscheinlichkeit ihres tatsächlich Möglichen sozusagen "kafkaesk" wiederum selbst verneint. Diese Dialektik macht eine
Realisierung in der abstrakten Wirklichkeit des Theaters erst vorstellbar, für uns künstlerisch spannend und für die theaterbesucher ausserordentlich unterhaltsam.
Über sein Motiv für seine Anstrengungen sich selbst zu einem zivilisierten Menschen zu machen, sagt der
Affe in Kafkas Novelle „Ein Bericht für eine Akademie":
„Nein, Freiheit wollte ich nicht, nur einen Ausweg !"
...und behauptet damit, dass menschliche Zivilisation und Freiheit nicht zwangsläufig zusammengehören
müssen, ja, letztlich unvereinbar sind.
Das ist nicht so! Das kann nicht so sein ! Das darf nicht so sein!, werden wir empört widersprechen. Aber
, wenn wir ehrlich sind, ist uns nicht wohl dabei.
IN DER STRAFKOLONIE wird dem Verurteilten in einer zwölfstündigen Prozedur, das Gebot, das er
übertreten hat, durch den technisch höchst funktionalen Apparat auf den Leib geschrieben. Bevor der Exitus eintritt "... geht Verstand selbst dem Blödesten auf." sagt die Offizierin
Stimmt es vielleicht, was die Offizierin in der Strafkolonie sagt:
„Die Schuld ist ist immer zweifellos , doch es geschieht Gerechtigkeit !"
Wenn das so sein sollte -
Können wir uns der Verantwortung dadurch entziehen, dass wir wie es der„Der Reisende" in der STRAFKOLONIE tut, unsere Wertmaßstäbe in objektiv rationale und subjektiv moralische trennen ?
Worin besteht unsere Schuld ? Wodurch geschieht uns "Gerechtigkeit" ?
Ein Werk Franz Kafkas gerade in Wuppertal uraufzuführen ist für uns (neben aller Tradition – siehe die
Uraufführung „Der Bau“) eine besondere Herausforderung, bedenkt man Kafkas Kontakt zu Else Lasker-Schüler, und sieht zudem hoch oben auf „Schreiners Wiese“ das „Kafka Institut" (Zentrale der Kafka
Forschung) an der Bergischen Universität. (Der Leiter des Instituts Hans Gerd Koch -.u.a. Hrsg. der „Kritischen Kafka Ausgabe"- ist wissenschaftlicher Berater bei dieser Produktion.)
Tropische Melismen
Musik zur Bühnenfassung von Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“
v. Thomas Beimel
Ein Engel; ein Reisender. Beide treten in Kontakt mit einem Un-Ort: einer Insel, die als Strafkolonie dient.
In dieser Weltferne repräsentiert ein zugleich perverses wie auch im höchsten Grade ästhetisches Justizsystem die Idee der Gerechtigkeit – enigmatisch, erschreckend, unverständlich.
Ein Tag des Gerichts: die Exekution wird vorbereitet...
Engel gibt es nicht nur im Himmel, einer von ihnen steigt auch zu uns herab. Die von ihm gesungenen
gregorianischen Choräle erfüllen den Raum nicht nur mit ihren ruhigen, kontemplativen Melodien sondern auch mit der Gewissheit, es gäbe eine finale Gerechtigkeit; es gäbe – jenseits allen Leids – eine
fundamentale Erlösung. Von der anfänglichen Bitte aus, dem wohl wichtigsten Gesang der Adventszeit – roráte caeli désuper... – Die Himmel mögen sich auftun und die Wolken herabregnen: Ihn, der die
Gerechtigkeit und die Erlösung bringt - schlagen sie einen Bogen hin zur trostverheißenden Antiphon der Totenmesse : in paradísum dedúcant te ángeli – Ins Paradies geleiten dich die Engel.
Der Gesang des Engels bildet so einen kultureller Kontrapunkt zum Geschehen auf der Bühne.
Dort hat ein kleines Ensemble aus hohen Streichern - zwei Violinen, eine Viola, eine Diskantgambe – Platz
genommen. Ihre Musik, die im Gesamtspiel eine eigene, autonome Stimme führt und die Bühnenhandlung nicht direkt bedient oder illustriert, ist ein fernes Echo seines Gesangs.
Ein Tag in den Tropen. Das gleißende Licht hat mit seiner Hitze die Musik der Streicher in die Höhe
getrieben. Die herrschenden Temperaturen haben die modalen Melodien zu chromatischen Irrwegen verschmolzen. Klare kanonische Strukturen verlieren in dieser atmosphärischen Höhe ihre Gestalt,
verschwimmen zu einer Fata Morgana, etwas Ungreifbarem. Die lyrische Geste dieser Musik schafft eine Verbindung zum Reisenden, zu seinem Gepäck aus kulturellen
Erinnerungen und tradierten Affekten. Und wie er bleibt die Musik dem Geschehen fern. Die Musik: eine Abwesenheit in Klang.
Im strahlenden Glanz dieses Tages ertönen Instrumente, denen beides zu eigen ist, eine
schwindelerregende Höhe wie auch der Hang zum Grotesken, zur Clownerie: Glockenspiel und Schellenbaum. Die Klänge werden destilliert. In dem sich niederschlagenden Kondensat erstarrender Akkordstrukturen
verlieren alle Klänge ihre lyrische und humorvolle Qualität. Die Musik wird zu keinem Ort des Trostes oder der Zuflucht.
Die Kluft der aufeinandertreffenden Kulturen ist nicht zu überbrücken, die Technik der Maschinerie entgleitet erbarmungslos, die Fremde bleibt fremd.
Der Glanz, der über allem liegt ist lediglich die Illusion eines tropischen Nirwanas: ein verführerisches Flirren.
Besetzung:
Regie und Inszenierung Bearb. f.d. Theater : Reinhard Schiele (Wuppertal)
Schauspiel:
Die Offizierin: Caroline Keufen (Wuppertal)
Der Reisende: Olaf Reitz (Wuppertal)
Der Verurteilte: Wolfgang Taegert (Köln)
Der Soldat: Reinhard Schiele (Wuppertal)
Der Angelus (Contratenor) Yosemeh Adjei (Düsseldorf)
Environments: Manfred Feith-Umbehr (Frankfurt/M)
musik. Performance Indigo Quartett (Wuppertal)
Komposition u . Thomas Beimel (Wuppertal) musikalische Leitung
wissenschaftliche Hans Gerd Koch
Beratung Hrsg. „Kritische Kafka Ausgabe"
Berg. Univ. Wuppertal
PRESSE
dpa taz ZDF theaterkanal.de Westdeutsche Zeitung Westfälische Rundschau omm
21. Juni 2001 Des Engels Stimme über dem Todesrad
Von Frank Becker
Wuppertal. Merkwürdig, dass Franz Kafkas vor 87 Jahren entstandene Erzählung "In der Strafkolonie" nicht öfter auf der Bühne
Ausdruck des Unmenschlichen wird: wie nun im Wuppertaler Opernhaus in der von Reinhard Schiele (Dramatisierung), Thomas Beimel (musikalische Einrichtung/Komposition) und Manfred Feith-Umbehr (Ausstattung)
vorgelegten Form und Fassung. Die Strafkolonie ist ein "Nowhereland"; ein im Kopf vorhandenes Angstbild. Der Reisende (Olaf Reitz), der offenbar auf Einladung ein
tropisches Eiland besucht, ist zunächst Beobachter. Ein auf Liberalisierung bedachter "Kommandant" will ihn zum neutralen Zeugen für die Brutalität eines die Szene beherrschenden Exekutions
-Apparates und zum Sprecher für dessen Abschaffung machen. Dem stellt sich hingebungsvoll eloquent die Offizierin (Caroline
Keufen) entgegen, die - erotisch motiviert in dem Gedanken lebt, mit der Maschine das Vermächtnis des gestorbenen früheren Kommandanten und Erfinders zu erfüllen. Die peinlich detaillierte Erläuterung der
Hinrichtungswaffe gegen einen wegen Nichtigem zur Todesqual Verurteilten (Wolfgang Taegert) lässt Reisenden wie Zuschauer erschauern.
Mit der Dauer der etwas kürzer denkbaren Aufführung steigt das Grauen: Musik (Indigo Quartett) und Szene erzeugen stummen Schrecken. Wo bedeutsame Brüche oder Wandlungen entstehen, erhebt ein
Countertenor (Yosemeh Adjei) als "Angelus" mit gregorianischen Gesängen die strahlende Stimme von einer mittig platzierten hohen Säule.
Kafka gibt`s nicht ,light`, sondern nur heftig. Caroline Keufen überragt in wahnwitziger Kür neben dem souveränen Olaf Reitz; hinein tapst Reinhard Schiele als Soldat und als ein ins Absurde gesteigerter
Offenbach-Operetten -"Frosch". Als sich die Offizierin schließlich nach ihrem Motto "Sei gerecht" selbst
unter die Maschine begibt, empfängt sie sie wie einen ersehnten Geliebten: Niemand greift ins Räderwerk. Betretener Applaus, bis sich die Beklommenheit löst und der Abend begeistert gefeiert wird.
100 Minuten; Karten: 0202/569 4444
dpa 
23.06.2001 Volksstimme Magdeburg
Im Vorhof der Nazihölle - Dramatisierung von Kafkas «Strafkolonie»
(dpa ) Von Dieter Lechner Wuppertal - Mehr Theater mit Musik denn Musiktheater oder gar Oper ist Thomas Beimels und
Reinhard Schieles Stück «In der Strafkolonie» nach einer Erzählung von Franz Kafka. Das seit 1992 bestehende Wuppertaler Kafka-Theater brachte die Bearbeitung im Opernhaus als
Uraufführung heraus, für die es herzlichen Beifall gab.
In einer wahrhaft kafkaesken Szenerie mit einem singenden Engel hoch über dem Publikum, eisernen
Stühlen, stumm dasitzenden Gefangenen und vier Geigerinnen spielt sich die grausige Geschichte um eine groteske Hinrichtungsmaschine ab. Stolz erläutert ein weiblicher Offizier einem fremden Besucher die
Funktion der Maschine, während der vor der Exekution stehende Häftling in einer Ecke seinem Ende entgegenkauert. Er wird schließlich auf einen Tisch geschnallt und soll nunmehr das übertretene Gebot
mit Nadeln zwölf Stunden lang bis zum Tode auf den Rücken geschrieben bekommen.
Der Reisende wird immer wieder auf «wichtige» Details des Apparates aufmerksam gemacht und auf die
Probleme, die durch die schwierige Ersatzteilbeschaffung entstehen. Dabei entwickelte Caroline Keufen als Offizierin mit ihrer Interpretation der menschenverachtenden Texte eine gleichermaßen großartige wie
schaurige Charakterdarstellung.
In der Bearbeitung durch den Regisseur Schiele bricht die «Führerin» die Hinrichtung des Gefangenen ab
und lässt sich selbst exekutieren als sie erkennt, dass ihre ins Perverse gesteigerte Auffassung von Recht und Justiz «von oben» nicht mehr geteilt wird. Mit gregorianischen Gesängen besiegelt der Engel,
faszinierend gesungen von dem Countertenor Yosemeh Adjel, als Kontrapunkt zur Handlung das Desaster.
Auch wenn Thomas Beimels Musik für die Streicherinnen des Indigo-Quartetts mit kurzen
Zwischenspielen wiederholt dafür sorgt, dass das ständig aufkommende Grauen von der Unmenschlichkeit der Handlung in freundlichere Töne mündet, geht die fast zweistündige Aufführung doch nicht ohne
Längen ab. Gelegentlich sehnt sich der Besucher doch nach einem Ende des Bühnenalbtraums im Vorhof einer Hölle, die nur 20 Jahre nach Kafkas Visionen bei den Nazis Realität wurde.
22.06.2001 & 28.06.2001 (leicht variiert "In der Todesmaschine"
Sie haben sie tatsächlich nachgebaut: Auf der Bühne steht ...)
"In der Strafkolonie" rattert das Folterinstrument
Von Katrin Pinetzki
Wuppertal. Der Vorhang hebt sich, und der Atem stockt: Auf der Bühne steht tatsächlich die Foltermaschine, der heimliche Protagonist aus Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie". Ein Mords
-Apparat im wahrsten Sinne! Das freie Wuppertaler "Kafka Theater", das für die Uraufführung des Textes ins Opernhaus ziehen durfte,
hat den Apparat nachgebaut (Bühne: Manfred Feith-Umbehrt). Und das Schlimmste ist: Er funktioniert sogar, er rattert und rotiert und spritzt Blut. Was wie ein riesiges Fitnessgerät aussieht, ist ein
Folterinstrument, das dem Verurteilten das übertretene Gebot auf den Leib tätowiert - bis das Opfer durchstochen, durchbohrt ist.
Die Offizierin (Caroline Keufen) einer Strafkolonie erklärt dem Forschungsreisenden (Olaf Reitz) hingebungsvoll, zwischen Emotionalität und Wahnsinn, die Funktionsweise der Maschine. Zunächst
theoretisch, dann am praktischen Beispiel einer Exekution will sie den Reisenden von der Genialität des Apparats überzeugen. Der Wissenschaftler soll durch seine Fürsprache den skeptischen neuen
Kommandanten von der Tötungsmethode überzeugen. Als der Plan scheitert, spricht die Offizierin den bereits zum Tode Verurteilten (Wolfgang Taegert) frei und legt sich selbst in den Apparat, ohne den ihr
Leben sinnlos wäre. Während sie der Offizierin den Spruch "Seid gerecht!" auf den Leib hackt, geht die Maschine kaputt. Der Reisende flieht.
Reinhard Schiele will mit seiner Inszenierung "nur berichten", Interpretationen weder liefern noch anregen
. Nur: Wie soll man gerade Kafka in Szene setzen, ohne zu deuten? Das Nur-Schildern gelingt dem Kafka-Team sogar weitgehend - durch eine nahezu konsequente 1:1-Umsetzung der Erzählung als Einakter.
Dennoch bleiben Interpretationen nicht aus - schon durch die Musik. Das Stück wird von einem Streich-Quartett begleitet, das eine beklemmende Atmosphäre schafft. Konstrastierend dazu lässt ein
männlicher Engel von einem Hochsitz im Zuschauerraum aus seinen Counter-Tenor (Yosemeh Adjei) klingen. Das funktioniert wie Filmmusik, schafft eine Art Hitchcock-Atmosphäre und gleichzeitig eine Musik
-Text-Schere. Ob das die beste Regie-Idee war? Schließlich spricht "In der Strafkolonie" gerade in seinem nüchternen Tonfall, der wie nebenbei von absurder Grausamkeit berichtet, für sich.
Über allem Geschehen schwebt - quasi als Motto - ein Ausspruch von Kafka: "Nur wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden." Zu den Fragen, die Kafkas Prosa aufwirft, gesellten sich in
Wuppertal noch einige von der Regie aufgeworfene hinzu.
Dramatisierung von Kafkas «Strafkolonie» im Wuppertaler Opernhaus
Wuppertal. Großer Beifall für Thomas Beimels und Reinhard Schieles Stück «In der Strafkolonie» nach einer Erzählung von Franz Kafka.
Foto: Heik Davidjan
Mehr Theater mit Musik denn Musiktheater oder gar Oper sei Thomas Beimels und Reinhard Schieles
Stück «In der Strafkolonie» nach einer Erzählung von Franz Kafka, berichtet die Volksstimme Magdeburg. Das seit 1992 bestehende Wuppertaler Kafka-Theater brachte die Bearbeitung im Opernhaus als
Uraufführung heraus.
Der Reisende - offensichtlich ein namhafter Wissenschaftler - ist zu Besuch in einer Strafkolonie. Eine
junge Frau (Die Offizierin) demonstriert dem Reisenden mit grosser Hingabe die Funktionsweise eines Hinrichtungsapparates, der von dem ehemaligen Kommandanten der Strafkolonie konstruiert wurde. Um
dem Reisenden die Funktionsweise des "Apparates" praktisch zu demonstrieren, hat sie einen
Verurteilten, "einen zum Mitleid garnicht auffordernden Menschen" mitgebracht, der sich widerstandslos in
den Apparat einspannen lässt. Die Offizierin will den Reisenden von der Genialität des Appartes, durch
den "Gerechtigkeit geschieht" überzeugen und ihn gewinnen, sich beim neuen Kommandanten (der noch
schwankt, ob der Apparat weiterhin verwandt werden soll) und in der Öffentlichkeit der Starfkolonie für
die Fortsetzung des segensreichen Wirkens des Apparates einzusetzen. Als der Reisende es ablehnt,
sich in die inneren Angelegenheiten der Strafkolonie einzumischen, bricht die Offizierin die Hinrichtung ab und legt sich selbst in den Hinrichtungsapparat, der sofort zu arbeiten beginnt und sich dabei selbst
zerstört. Entsetzt flieht der Reisende aus der Strafkolonie und wehrt Sträflinge und Soldaten ab, die ihm folgen wollen.
Eine Produktion des
Deutschen Kafka Theater, Hamlet, Theater Opera Regie & Inszenierung: Reinhard Schiele Der Offizier: Caroline Keufen Der Reisende: Olaf Reitz Bühnenbild: Manfred Feith-Umbehr
Musik: Thomas Beimel
© by ZDF.theaterkanal

Auf den Leib geschrieben
Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" als Schauspiel mit Musik
Von Meike Nordmeyer /Fotos von Haik Dawidjan
Die Werke von Franz Kafka ins Theater zu bringen, das hat sich das Wuppertaler Kafka Theater / HAMLET
vorgenommen. Die engagierte Gruppe von Schauspielern präsentierte jetzt mit der Dramatisierung der
Kafka-Erzählung "In der Strafkolonie" seine neueste Produktion und übertraf sich selbst: denn Kafka fand
diesmal sogar seinen Weg auf eine Opernbühne. Uraufgeführt wurde das Werk mit Musik des Komponisten Thomas Beimel im Wuppertaler Opernhaus.
Kafkas Erzählung entwirft eine Szenerie in einer Strafkolonie, wo gerade eine Hinrichtung mittels einer
aufwändigen Maschine vorbereitet wird. Ein Reisender soll Zeuge dieser minutiös geplanten technischen Ausführung werden. Der zuständige Offizier erläutert begeistert diese Maschine und preist den Tod, den
sie bringt, als gerecht und ästhetisch wertvoll an. Denn, so erläutert er, die Maschine tötet äußerst raffiniert, sie ritzt das Vergehen und die Strafe in den Rücken des Verurteilten ein. Immer tiefer geht sie
in die Haut, bis der Verurteilte vor Qualen stirbt. Doch er tut dies nicht ohne vorher eine besondere Erlösung zu erfahreren - so der Offizier. Einen schönen Tod durch Folter? Damit ein Sterben, das Erlösung
bringt? Kafka beschreibt mit seiner Erzählung eine Foltermaschine, die sich in den Leib einritzt. Moderne
Formeln wie "auf den Leib geschrieben" und "dem Leib eingeschrieben" werden hier in eigentümlicher Weise im grausamen visionärem Bilde vorweggenommen.
Der Reisende (Olaf Reitz), der Veruteilte (Wolfgang Taegert) und der Soldat (Reinhard Schiele). Foto: Haik Dawidjan
Der Reisende, der Zuschauer der Hinrichtung wird, fragt sich, ob er
eingreifen soll, ob es ihm ansteht zu protestieren. Ist Eingreifen in die Sitten eines fremden Volkes möglich, angemessen, oder vermessen? Aber wenn es doch um Menschenleben geht? Die
vielschichtige Erzählung zieht in ihren Bann. Der Text lebt vor allem von der Rede des Offiziers und den gelegentlichen Einwürfen des Reisenden. Der hohe Redeanteil gab
hier sicher den Ansatzpunkt, die Erzählung zu dramatisieren. Der von Regisseur Reinhard Schiele erarbeiteten Bühnenfassung gelingt
es dabei, dicht an der Vorlage zu bleiben. Der Text erschließt sich dann dem Zuschauer durch genaue Regie und zutreffendes Spiel. Unterstützt wird die Texttreue durch die Bühnenausstattung, die neben
schlichter, wirkungsvoller Gestaltung der Bühnenseiten in der Mitte einen recht genau der Beschreibung folgenden Aufbau der Maschine (Schweißarbeiten von Tommy Wilczek) zeigt. Das große Gerät kann sogar
mit lautem Geratter "echt" in Gang gesetzt werden.
Die Offizierin (Caroline Keufen) fleht um die Anerkennung "ihrer" Maschine.
Im Hintergrund: Der Soldat, der Verurteilte und die Maschine. Foto: Haik Dawidjan
Der Offizier ist - neben der Maschine - die Hauptperson der
Erzählung und wird hier in der Wuppertaler Aufführung mit Caroline Keufen von einer Frau gespielt. Die Schauspielerin hat eine enorme Textmenge zu bewältigen. Keufen bietet dabei
souveräne Darstellung, facettereich und stets mit hohem Einsatz. Die Besetzung mit einer Frau als Offizierin, die dem männlichen Reisenden gegenüber tritt, fügt der Aufführung den Aspekt des
Geschlechterverhalten hinzu und erweitert damit sinnfällig das reiche Bedeutungsspektrum. Umsichtigerweise wird dieses Moment dann nicht überbetont in der Inszenierung. Recht
überzeugend gelingt auch die Darstellung des Reisenden durch Olaf Reitz, ebenso wie der Soldat durch Reinhard Schiele und der Veruteilte durch Wolfgang Taegert, der die beschriebene Stumpfheit der Person
gut wiederzugeben weiß.
Wesentlicher Bestandteil der Aufführung bildet die musikalische Ausführung der von Thomas Beimel zu
diesem Stück komponierten Musik. Ein Engel, von einer hohen Säule im Zuschauerraum herabblickend, stimmt alte gregorianische Gesänge an. Klagegesänge, die eindringlich tönen, Spuren alter Kultur, die der
Sehnsucht nach Erlösung eine Stimme geben. Klangschön und konzentriert gesungen wurde dies von dem Altus Yosemeh Adjei. Auf der Bühne hingegen ist das Streichquartett Indigo platziert. Es macht die
Atmosphäre von schwirrender Hitze hörbar, in der die Erzählung situiert ist. Hohe ätherische Töne bestimmen das Spiel auf den Geigen, größtenteils im Flageolett gekonnt intoniert. Kleinste Versätzstücke
von Wendungen und Phrasen werden im anspruchsvollen Spiel der Geigerinnen ineinander verwoben. Entstehen kann ein nicht fassbarer schwebender und vor allem flirrender Klang, der sich jedem
Festmachen entzieht. Ansätze von Melodie bietet mitunter die Viola da Gamba, wie aus der Ferne etwas aufnehmend, sich hierin aber wieder verlierend. Auch das Glockenspiel und der Schettenbaum werden
von den Streicherinnen bedient. Die Musik wird sparsam eingesetzt zur Aufführung und ist damit von besonders starker Wirkung. Es gelingt der Komposition, der Dichte des Textes zuzuspielen und der
Aufführung ein reiches Assoziations- und Stimmungfeld zu geben. Auch werden die Musikerinnen mitunter ins Bühnenspiel einbezogen.
Eindrucksvoll gerät das Ende der Szenerie: die Offizierin möchte nach ausbleibender Mithilfe des
Reisenden nun selber die Erlösung erlangen durch die Maschine, am eigenen Leibe will sie es erfahren. Die junge Frau legt sich, nicht ohne auch erotisches Ansinnen anzudeuten, fast entkleidet unter die
Maschine. Doch die Erlösung bleibt verwehrt, zurück bleibt allein der Schrecken. Die Maschine zerlegt sich selbst. Etwas lieblos und zu ulkig sind da allerdings die roten Stoffzahnrädchen, die schnell aus der
Maschine purzeln und das Ende des Gerätes anzeigen sollen. Machtvoll stehen bleibt dagegen das Wort: An der Maschine sind zwei Flügel aufgeklappt wie ein Triptychon, und zu lesen ist ein Wort von Kafka,
das hier zur Erzählung gesetzt wird: "Nur wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden." - ein Bekenntnis fast, ein Bekenntnis Kafkas und ein Bekenntnis zu Kafkas Werken.
FAZIT Die "Strafkolonie" auf der Bühne - ein mutiges, außergewöhnliches Projekt freier Wuppertaler
Künstler aus Theater und Musik. Eine höchst anspruchsvolle Produktion, die Kafkas Text zum Erschaudern vor Augen und an die Ohren führt.
Manfred Feith-Umbehr *1951 Lippstadt /Westfalen
1973 - 77 Fachhochschule für Graphik/Design Münster
Akademie Düsseldorf
seit 1982 als freischaffender Künstler in Frankfurt/M
seit 1985 Betreiber des ateliers „unartig" in Frankfurt/M 1985 Gründungmitglied der Künstlergruppe KIP seit 1995 Betreiber des Atelierschiff „unartig" auf dem Main
Einzelausstellungen (u.a.)
1990 Kreismuseum des Kreises Soest
1992 „Über die Wupper" Atelier Alte Posthalle - Wuppertal Wilhelm Morgner Haus, Soest
Foyer Union Haus, Frankfurt/M 1993 Foyer Vorstand IGM , Frankfurt/M 1997 Landesmuseum Emden
Pronkkammer , Uden (NL) Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt/M 1998 Deutsche Industriebank Berlin
Museum Amberg 1999 Allgemeine Hypothekenbank, Essen Installation „Sympathy for the devil"
im Rahmen „Osterspaziergang", int. Programm der Stadt Frankfurt
zu Goethes 250tem Geburtstag. „chairmans walk" Kunstpalais Rastede
2000 „danse lesson" Gallustheater Frankfurt Galleria Bajazzo, Imperia (Italien) Skulpturenpark Mira Maurizio,
„Arte et Vita", Imperia (Ita) 2001 Centro Lupier, Bescia (Ita) Bundesgartenschau Potsdam
Havelland Art, Insel Töplitz
Skulpturen im öffentlichen Raum
„Hommage an Ewald Mergemeier" , Lippstadt
„Nur eine Hütte" , Amberg „Die sieben Tore von Theben", Kloster Lichtenau
Ausstellungsbeteiligungen u. Kunstaktionen
Frankfurt/M
„Bilder einer Ausstellung", „Uferlos" „Mehrgleisig" „Tiefoben" „Müllieu"
Emden TNSW Werft
„Im Anfang war der Hammer"
Berlin „Über Stilblüten und Kreuzwege"
Bühnenbilder
für (u.a.): Hamlet (Bretagne/Fr)
Der Andalusische Hund (Villa Franca del Penedes/Sp) Antigone ( Freilichspiele Lichtenau) Ein Sommernachtstraum (Globe Theatre) Orpheus (Schloss Vogue, Provence/Fr.)
Der Kleine Prinz (Stadttheater Lippstadt) Was Ihr wollt (Schlosstheater Overhagen) Kids (Musical) Danse lesson (Gallustheater Frankfurt)
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